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Interview mit Kristiane Backer

 

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Interview mit Kristiane Backer

 

 

 

Frau Backer, Sie leben in London. Haben Sie sich da integrieren können?

 

 

Selbstverständlich. Ich war immer Ausländer gewesen, mein Leben lang. Ich habe auch schon mal ein Jahr in Amerika gewohnt. Nun lebe ich seit 20 Jahren in London und bin dort Teil der Gesellschaft, der britischen Muslime.

 

Und müssen Sie sich – wie viele Migranten in Deutschland – Vorwürfe anhören, dass sich die Deutschen in London nicht integrieren würden?

 

 

So etwas habe ich noch nie gehört.

 

Gibt es denn eine Integrationsdebatte in England?

 

 

Es gibt eine Debatte zum Thema Integration, aber Islamwissenschaftler fordern, die Debatte längst nach Vorne zu bringen, in dem man über Partizipation, sozialen Beitrag und Beteiligung spricht, anstatt über Integration. Wie können die britischen – und auch die deutschen Muslime –am Besten aktiv zur Gesellschaft beitragen? Mit Hilfe einer guten Bildung und natürlich hervorragenden Sprachkenntnissen. Die Loyalität und auch die Identifikation mit dem Land, in dem man lebt, gehören dazu.

 

Loyalität zum Land. Das ist ein wichtiger Punkt, der auch in der Debatte in Deutschland von Bedeutung ist. Frau Backer, Sie waren kürzlich in Berlin auf einem Integrationskongress. Worum ging es da?

 

 

Der Kongress hatte verschiedene Panels. Ich selber habe in dem Panel “Kultur und Bildung“ gesprochen zum Thema “Unsere gemeinsame Identität“. Am Ende gab es auch eine Diskussion dazu… Es gibt in diesem Bereich viele Ansätze und viele Ideen und sicherlich muss sich auch sehr viel ändern auch auf politischer Ebene. Die Bildungspolitik zum Beispiel. Sie haben dazu ja auch ganz viele gute Vorschläge gemacht, die ich auch richtig finde. Als Fundament muss erst einmal die deutsche Sprache vermittelt und erlernt werden. Ein großes Problem ist, denke ich, dass es hier eine große Bevölkerungszahl von jungen Migranten gibt, deren Eltern weder der Heimatsprache noch der deutschen Sprache mächtig sind und die die Werte einer Bildungs- und Wissensgesellschaft gar nicht vermitteln können. Und wie gehen wir mit diesen Menschen um?

 

Wie geht man in GB mit diesem Problem um?

 

In Großbritannien ist es so, dass die Kinder alle 1A Englisch sprechen. Englisch ist deren erste Sprache, auch wenn die Eltern kein Wort Englisch sprechen, sie lernen es schon im Kindergarten. Und die meisten wollen Erfolg, gehen selbstverständlich zur Schule und bemühen sich. Dann gibt es in UK viele erfolgreiche junge Vorbilder an die junge Migranten nachahmen können, die sie stolz machen in ihrer Identität als britische Muslime. Man spricht übrigens überhaupt nicht von Migranten sondern von Britischen Muslimen. Auch wir brauchen junge Vorbilder, über die die Medien berichten. Damit sie zu Ansporn und Inspiration führen. Und ich kenne viele erfolgreiche Britische Muslime, die im Establishment in jeder Berufsbranche arbeiten und deren Eltern kein Wort Deutsch sprechen. Was die britischen Muslime gemeinsam haben ist ihre Identität, die Sprache, Ehrgeiz und harte Arbeit. Genau das gleiche brauchen wir in Deutschland: Deutsche Muslime, die sich in Deutschland wohl fühlen, die stolz darauf sind deutsche Muslime zu sein, die Sprache gut beherrschen, ehrgeizig sind und hart arbeiten. Die meisten Muslime müssen auch in GB meist härter arbeiten z.B. als ihre englischen Kollegen um sich zu beweisen. Das ist im Moment leider noch so. Aber das führt zum Erfolg. Alles andere kommt.

 

Bevor wir zur Identitätsfrage kommen, wie bewerten Sie das Sprachproblem in Deutschland?

 

 

Wenn man in einem Land lebt, muss man die Sprache dieses Landen erlernen, um sich beteiligen zu können. Das ist gar keine Frage. Sprache und Bildung sind das Fundament. Der Prophet sagte wir müssen Bildung von der Wiege bis zum Grab suchen. Die Suche nach Bildung ist ganz essentiell in unserer Religion, aber ich habe das Gefühl, selbst die eigene Religion kennt längst nicht jeder Muslim der in Deutschland wohnt. Vielleicht würden Mentoren helfen, aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis, so wie Sie z.B. Sie wären doch ein fantastischer Mentor. Sie könnten doch Menschen in der Schule usw. helfen.

 

Ich denke auch, dass man über die Wichtigkeit der Sprache nicht mehr zu diskutieren braucht. Noch einmal zurück zur Identitätsfrage. Ist es in Deutschland nicht so, dass sich die Mehrheit eben nicht als deutsche Muslime bezeichnet, sondern als ägyptische, türkische, marokkanische, arabische usw. Muslime?

 

 

Also in England oder Großbritannien kann man nie Engländer werden. Ich könnte auch keine Engländerin werden. Aber Britin könnte ich werden. In Deutschland müssen wir unser Nationalitätsbewusstsein öffnen. Ich denke es wird sicherlich noch eine Generation dauern, bis sich – auch unter den Einheimischen – ein erweitertes Nationalitätsbewusstsein entwickelt, dass man Jemanden mit ägyptischer, afrikanischer oder türkischer Abstammung auch als Deutschen anerkennt. In Europa hatten wir bis vor kurzem Monokulturen und es wird noch eine Weile dauern, bis dieses Bewusstsein sich ändern wird.

 

Wenn man sich die gegenwärtige Integrationsdebatte in Deutschland anschaut, dann merkt man, dass es nicht allgemein um Migranten geht, sondern vor allem um Migranten, die Muslime sind. Ist es daher nicht eher eine Islamdebatte?

 

Naja, Tatsache ist, dass die meisten Migranten in Deutschland Türken sind. Und das sind Muslime. Und hier gibt auch ein Bildungsproblem. Das finde ich ehrlich gesagt auch traurig. Denn Bildung ist ein Grundprinzip des Islams. Wir sollen Bildung suchen selbst wenn wir nach China gehen müssten, sagte der Prophet ja auch. Bildung ist ein ganz fundamentales Prinzip unseres Glaubens. Ich denke auch Muslime in Deutschland müssten ihren Glauben besser verstehen lernen. Daher bin ich auch dafür, dass islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen stattfindet. Das würde helfen einen intellektuellen statt rein kulturellen Zugang zum Glauben zu bekommen so dass Muslime ihre eigenen Traditionen im Angesicht der Glaubensprinzipien neu überdenken und hinterfragen können. Nur mithilfe eines fundierten Wissens kann man unterscheiden zwischen der Kultur, die man ablegen kann und den Glaubensprinzipien, die getreu im Kontext unserer Zeit und dem Ort in dem wir uns befinden umsetzen muss. Zudem würden Vorurteile in der Mehrheitsgesellschaft abgebaut werden t Die Ausbildung der Imame soll ja jetzt auch in Deutschland gefördert werden, auch das halte ich für sehr wichtig, denn nur Imame, die Deutsch sprechen und sich mit der deutschen Kultur auskennen, können die Muslime hier auch wirklich beraten. Ich denke es ist alles ein Prozess und eine Frage der Zeit, sehe aber dem Ganzen positiv gegenüber. Im Moment ist jedenfalls erst einmal Pionierarbeit gefragt. Klar ist das manchmal auch frustrierend. In Kapitel 11 meines neuen Buches „Der Islam als Weg des Herzens“ beschreibe ich dies auch noch einmal deutlich. Da habe ich gewisse Erlebnisse auch in England gehabt, wo man denkt, ´oh man, all die Arbeit des Vermittelns stößt nur auf taube Ohren´. Aber wir können immer Trost bei Gott und im Koran suchen. Das ist ein großer Segen. Der Koran gibt Antworten.

 

Frau Backer, worum geht es in Ihrem neuen Buch?

 

 

Das neue Buch ist meine Geschichte von ´MTV nach Mekka´, sie ist nur aktualisiert und ausgebaut mit mehr spirituellen Geschichten und Erlebnissen und eben up-to-date bis zum September 2010.

 

Man kann also auch nachlesen, was nach der Veröffentlichung des ersten Buches passierte. Das ist ja auch sicherlich sehr spannend.

 

 

Ja, da habe ich so viel erlebt. Ich bin durch ganz Deutschland gereist und eingeladen worden von vielen muslimischen Gemeinden.

 

Frau Backer, Sie haben vom Trost suchen im Koran gesprochen. War ihr erstes Buch, das Sie ja erst 14 Jahre nach der Konvertierung veröffentlicht haben, auch eine Suche nach Trost oder Zuflucht? Oder warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen?

 

Ich hatte eigentlich schon länger vor, das Buch zu schreiben. Wurde auch schon von vielen Seiten zuvor angesprochen. Aber damals war ich einfach noch nicht bereit. Ich war auch noch nicht gefestigt in meinem neuen Glauben. Es war auch so, dass meine Medienagenten mir jahrelang davon abgeraten hatten. Sie sagten, ich würde keine Jobs mehr bekommen, wenn ich ein Buch über den Islam schreibe. Als ich dann die Pilgerfahrt machte und dies auch in den Medien bekannt wurde, sprach mich ein Buchagent an, und fragte mich ob ich nicht meine Geschichte als Buch schreiben möchte. Diesmal habe ich zugesagt. Es sollte wohl so sein. Und seither öffnen sich die unglaublichsten Türen für mich. Jetzt habe ich auch zum ersten Mal seit 1998 einen langfristigen Vertrag und zwar mit Abtei um bei QVC als Expertin für Nahrungsergänzung aufzutreten weswegen ich jetzt einmal im Monat in Düsseldorf bin. Es macht mir Spaß denn ich habe mich schon immer für Medizin und Gesundheit interessiert und ich hatte ja auch Naturheilkunde in London studiert. So kann ich meine Interessen mit dem Fernsehen verbinden.

 

Also ´Keine Jobs mehr bekommen´ traf nicht zu?

 

Nein, obwohl als vor 15 Jahre bekannt wurde, das ich zum Islam konvertiert bin, da gab es eine negative Pressekampagne und ich habe alle meine Jugendsendung Bravo TV praktisch über Nacht verloren und dann tatsächlich neun Jahre lang nicht mehr in Deutschland gearbeitet. Darüber schreibe ich auch in meinem Buch. Aber jetzt bin ich glücklich sagen zu können, je mehr man sich Gott hingibt, auch in dem was man tut, desto mehr Türen öffnen sich. Unglaubliche Dinge sind passiert. Seit das Buch veröffentlicht ist, habe ich unendlich viel zu tun. Auch in England. Da war ich Teil einer Posterkampagne (´Inspired by Muhammed´), die in London stattfand. Meine Parole war, ´Ich glaube an Umweltschutz. Das tat Muhammed auch.“ Das Poster hing an U Bahnstellen, in Bussen und in Taxis. Daraufhin habe ich sehr viele Medieninterviews gegeben, der Sinn der Sache war Vorurteile die es auch in GB gegen den Islam gibt aufzulösen und die wahren Werte, die kaum jemand kennt, darzustellen. Mein Buch kommt jetzt übrigens auch in mehreren Sprachen heraus: türkisch, malaysisch, indonesisch, holländisch, arabisch und ich arbeite an der englischen Übersetzung. Ich habe wirklich ein wunderbares Feedback bekommen.

 

Werden wir denn in Zukunft weitere Bücher von Frau Backer lesen dürfen?

 

Insaallah. Im Moment habe ich so viel mit diesem Buch zu tun. Aber in paar Jahren vielleicht…

 

An welchen Projekten arbeiten Sie zu Zeit?

 

Neben meinem Job bei Abtei ist mein Hauptprojekt die Übersetzung meines Buches ins Englische. Ansonsten reise ich quer durch Europa von Veranstaltungen zu Veranstaltungen. Ich moderiere sehr viel und bin auch häufig als Sprecherin eingeladen.

 

Und wo sind Sie im Moment im Fernsehen zu sehen?

 

Ich moderiere eine Reisesendung auf Travel-Channel und wie bin wie gesagt einmal im Monat bei QVC zu sehen.

 

Wie sehen Sie die muslimischen Jugendlichen weltweit?

 

 

Sie sind kreativ und es entwickelt sich langsam aber sicher eine wunderbare islamische Kultur im Westen. In London gibt es bereits eine stimulierende intellektuelle, kulturelle, politische, wirtschaftliche und spirituelle Szene. Es heißt ja im Westen geht die Sonne des Islam auf, denn hier bekommt man die Bildung und kann frei denken.

 

Es gibt ja in Deutschland so viele islamische Gruppierungen. Wie bewerten Sie diese Pluralität?

 

 

Ich wünsche mir, dass die Segregation aufhört. Wir müssen eine gemeinsame europäische islamische Identität aufbauen. Der Umma-Gedanke ist hier ausschlaggebend. Nationalistische Tendenzen darf es im Islam nicht geben. Wir müssen uns gegenseitig akzeptieren und respektieren.

 

Liebe Frau Backer, was würden Sie gerne der muslimischen Community in Deutschland noch mitteilen?

 

Also das wichtigste ist es, fest an unserem Glauben zu halten und den Imam zu stärken. Sich täglich darum zu bemühen, die Beziehung zu Gott zu verbessern ist sehr wichtig. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Bildung. Die Anstrengung in Bildung ist wichtig. “Arbeit ist Gottesdienst“ heißt es. Daher müssen wir den Ehrgeiz entwickeln, unser Leben zu verbessern. Wichtig ist auch, dass man die schönen Werte, die unsere Kulturen mitbringen, wie z.B. Gastfreundschaft bei den Türken oder Arabern, beizubehalten. Dass man dadurch auch auf die Deutschen zugeht. Sie mal zum Essen oder auf einen Tee einzuladen, kann viel bewirken. Man muss versuchen teilzunehmen in dieser Gesellschaft und sich zu öffnen, unsere Herzen und unseren Geist. Und wenn wir auf geschlossene und harte Fronten stoßen, dürfen wir trotzdem nicht aufgeben.. Und ich würde mir wirklich wünschen, dass sich eine deutsche Kultur des Islams entwickelt. Damit meine ich jetzt nicht den sogenannten ‚Euro-Islam‘, den es für mich gar nicht gibt. Sondern einen Islam mit deutscher Kultur und deutschen Tugenden, wie z.B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Qualität.

 

Ich hätte jetzt zum Schluss ganz kurze Fragen und möchte von Ihnen auch kurze Antworten ohne viel Nachzudenken. Und meine erste kurze Frage lautet, was ist Ihr Lieblingsessen?

 

 

Ich liebe deutsche Weihnachtsganz, Curry Gerichte, Fisch.

 

Die schönste Stadt, in der Sie bisher waren?

Istanbul. Aber auch Marrakesch, Fes, Kairo, Damaskus sind wunderschön. Und zum Wohnen London.

 

Ist Ihre Heimat England oder Deutschland?

 

Meine Heimat ist Deutschland.

 

In einem Fußballspiel zwischen England und Deutschland, für wen jubeln Sie?

 

Dann bin ich für Deutschland.

 

Gibt es einen islamischen Gelehrten, der Sie besonders inspiriert hat?

 

Ja, Gai Eaton. Er war ein lieber Freund, Mentor, spiritueller Lehrer und Berater für mich. Aber auch Martin Lings und Dr. Seyyed Hossein Nasr.

 

Was lesen Sie zu Zeit?

 

Im Moment lese ich “Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist angekommen“ von Benjamin Idriz. Und den Hikam von Ibn ata Allah.

 

Welche Musik hören Sie?

 

Ich höre eigentlich keine Musik mehr. Wenn dann Sufi-Musik oder World Music.

 

Und die letzte Frage, wenn Sie auf einer Insel wären, welche sieben Sachen würden Sie mitnehmen?

 

Natürlich den Koran, Kompass, Gebetsteppich, einen Schal als Kopftuch, Tee, meinen Laptop und einen Koffer voll Klamotten, Büchern und Sonnenschutz.

 

Frau Backer, ich danke Ihnen für dieses nette Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.

 

Publiziert in der Ayasofya 34 2011

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