Speise-, Trink- und Schlachtvorschriften

Haribo, Snickers, Wiesenhof: Warum immer mehr Produkte jetzt halal sind

17.12.2018 | 21:14
von Finanzen100-Redakteur*Igor Hirsch


Islamische Länder und Schwellenländer mit einem hohen Anteil an Muslimen sind Wachstumstreiber für westliche Nahrungsmittelkonzerne. Diese stellen ihre Produktion auf halal um, ohne es an die große Glocke zu hängen.

Toblerone-Schokolade ist seit Jahrzehnten das am Flughafen, was der Tomatensaft für Passagiere im Flieger ist: ein Stück*Reise-Tradition. Die Schweizer Firma brachte ihre Schokolade schon vor über 50 Jahren in die Duty-free-Läden. Mit Erfolg: Fast ein Viertel der Toblerone-Produktion wird in Flughäfen verkauft.

Damit auch Muslime die Schokolade sorgenfrei genießen können, hat die weltweit einzige Toblerone-Fabrik in Bern die Produktion im April auf „halal“ umgestellt und zertifizieren lassen,*ohne dabei die Originalrezeptur zu verändern*oder dafür*Werbung*zu machen.

Der Begriff „halal“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet in etwa „zulässig“. Der Duden definiert das Adjektiv als „nach islamischem Glauben erlaubt“, doch in der muslimischen Welt gibt es keine einheitlichen Standards für Halal-Lebensmittel. Die Essvorschriften sind in der Sunna zum Teil interpretierbar geregelt und die moderne industrielle Herstellung von Lebensmittel ist sehr komplex.

Rechtslage: Europäische Union hat kein Halal-Siegel

Auch die Rechtslage in der Europäischen Union ist unklar, was es für die Verbraucher schwierig macht,*Halal-Lebensmittel (Anzeige)*zu finden. Im Handel gibt es zertifizierte Produkte mit unterschiedlichen Siegeln. Jeder Zertifizierung hat jedoch seine eigenen Vorgaben. Ein einheitliches Siegel wie zum Beispiel das europäische Bio-Siegel, das auf Bio-Lebensmitteln verwendet wird, gibt es bislang nicht.

„Um Rechtsklarheit zu erreichen ist es unabdingbar, dass der Gesetzgeber verbindliche Mindestanforderungen für die „Halal“-Kennzeichnung festlegt“, so Antje Dau von der Wettbewerbszentrale in Deutschland in einem Aufsatz zu dem Thema.

Schwellenländer als Wachstumstreiber für Nahrungsmittelkonzerne

Dies ist ein wichtiger Schritt für die mehr als mehr als 3,5 Millionen Muslime in Deutschland und 20 Millionen in Westeuropa. So verlangt*der Islam, dass Muslime sich an Speise-, Trink- und Schlachtvorschriften halten. Doch die globale Nahrungsmittelindustrie hat natürlich nicht die Einhaltung von religiösen Standards im Sinn, sondern in erster Linie den möglichen Profit.

Der Schritt zu Halal-Produktion von bekannten Markenprodukten richtet sich nicht nur auf den europäischen Markt, sondern fokussiert primär das Wachstum in den Schwellenländern wie*Indonesien,*Pakistan,*Indien,*Bangladesch,*Ägy pten,*Iran*und Türkei.

Neben der gewaltigen Zahl an Muslimen erreichen die aufstrebenden Länder ein höheres Wachstum des Bruttoinlandsproduktes als die Staaten der westlichen Hemisphäre, was die Kaufkraft der Bürger befördert. Flugreisen werden für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich. Toblerone ist hierbei ein Touristen-Magnet in den Duty-free-Läden.

Und wie es diverse Statistiken zeigen, wächst mit zunehmenden Wohlstand der Konsum von Zucker beziehungsweise Süßwaren und natürlich Fleisch! Ein Grund mehr, sich für die Nahrungsmittelindustrie mit dem Thema „Halal“ zu beschäftigen.

Weltweit gibt es laut openfoodfacts.org, einer freien Datenbank für Nahrungsmittel, über 500 Marken, die ein Halal-Zertifikat haben. Zu den in Deutschland bekanntesten zählen ebenfalls Süßes wie Haribo, Snickers und Mars, aber auch Kellogg’s und die deutsche Geflügelmarke Wiesenhof. Die PHW-Gruppe*exportiert ihre Wiesenhof-Produkte in die Arabischen Emirate,*Saudi Arabien*und in den*Oman. Haribo produziert seine Produkte für Europa immer noch mit Schweinegelatine, hat aber in*der Türkei*eine halal-konforme Produktionsstätte für Länder mit vorwiegend muslimischen Konsumenten.

Toblerone als Teil eines Weltkonzerns

Toblerone ist mittlerweile eine Marke von Mondelēz International. Der US-amerikanischer Lebensmittelkonzern ging im Oktober 2012 aus Kraft (Kraft-Ketchup) hervor. Die Gruppe spaltete sich in zwei eigenständige börsennotierte Gesellschaften.

Kraft Foods Group ist für die nordamerikanischen Lebensmittelaktivitäten zuständig. Mondelēz International umfasst die globalen Aktivitäten für Snacks und Süßwaren außerhalb Nordamerikas und Lizensierungen. Hinter Mondelēz International stehen außerdem Marken wie Oreo, Milka, Daim aber auch Jacobs und Philadelphia. Die Schokoladenmarken als auch viele Kraft-Produkte sind mittlerweile „halal“ produziert.

Halal erfordert einen umfassenden Produktionsprozess

Unternehmen, die an einem der Halal-Standards teilnehmen, müssen sicherstellen, dass sie vom Wareneingang bis zum Vertrieb halal-konform produzieren. Dazu gehört ein nach strikten Regeln halal-konformer Schlachtvorgang bei der Fleischproduktion. Auch die Verwendung von Emulgatoren wirft die Frage auf, ob diese „halal“ sind.

Emulgatoren sind Hilfsstoffe, die dazu dienen, zwei nicht miteinander mischbare Flüssigkeiten, wie zum Beispiel Öl und Wasser, miteinander zu verbinden. Dies spielt zum Beispiel bei der Schokoladenproduktion eine Rolle.

Halal-Lebensmittel dürfen außerdem keinen*Alkohol*enthalten. Das geht bis in die Reinigung der Produktionsanlagen. „Problematisch für die Einordnung eines Lebensmittels als ‚halal‘ kann es sein, wenn Aromen bei der Herstellung Alkohol zugesetzt wurde“, so Antje Dau.

Halal: Frankreich als Vorreiter - Toblerone hält sich bedeckt

Heute gelten die Franzosen*in Europaals Vorreiter auf dem Halal-Markt. Islamkonforme gekennzeichnete Fertig-Nahrungsmittel gibt es in Deutschland zum größten Teil nur in türkischen Läden. Die Werbung mit „halal“ wird, wenn überhaupt, nur dosiert eingesetzt.

Laut dem Schweizer „Blick“ hat auch Toblerone die Umstellung nicht groß vermarktet, um einen möglichen Rückschlag beim Absatz nicht zu riskieren: „Sie haben Angst, Schweizer Konsumenten zu vergraulen“, sagt Mounir Khouzami vom Swiss Arab Network.