Alevitentum ohne Islam?

Die Frage, ob die Glaubensgrundlagen der Aleviten in den Islam münden, stellt sich immer wieder. Dr. Ecevit Polat hat sich mit dieser Frage beschäftigt.
Wahrscheinlich gibt es in der Neuzeit keine Religionsgemeinschaft außer den Aleviten selbst, die darauf bedacht sind ihre historischen Traditionen wieder neu zu entdecken. Das liegt sicherlich vorerst darin begründet, dass die inhaltlichen Lehren der anatolischen Aleviten sich primär auf mündliche Überlieferungen und nicht auf schriftliche Katechismen, wie sie etwa im Katholizismus oder in anderen Glaubensgemeinschaften als praktische Anleitungen zu dienen hat, begründet wird. Tatsächlich ist es nicht selten von Aleviten selber zu hören bekommen, dass sie in Wirklichkeit gar keine Muslime seien und sich eigentlich auf die vorislamischen Lehren des Schamanismus und anderen synkretistischen Lehren beziehen, die im Grunde genommen noch viel älter als die Religion des Islams sei.

Danach hätten sich die synkretistischen Lehren der Aleviten erst ab dem 9. Jahrhundert sich mit einigen Gepflogenheiten des Islam im Gärverfahren vermischt. Im Gegensatz dazu sind wiederum andere anatolische Aleviten der felsenfesten Überzeugung, dass sie sehr wohl Muslime seien und man sie quasi mit den anderen sunnitischen madahib (= Weg, Lehre, Schule) wie die der hanafitischen, schafiitischen, malikitischen und der hanbalitischen Rechtsschulen vergleichen könne.
Die Entwicklung der alevitischen Gemeinschaft in der Türkei

Aufgrund ihrer minderheitlichen Situation in der Türkei – was sicherlich in der Geschichte nicht immer ohne Ausgrenzung erfolgen sollte – schlossen sich nicht wenige Aleviten den politischen Strömungen des Kommunismus und des Marxismus Anfang des 20. Jahrhunderts an, um gegen die am eigenen Leibe erfahrenen staatlichen Willkür zumindest in der Opposition agieren zu können. Zudem wurden in der jungen Republik der Türkei, sämtliche Ordensaktivitäten der Sufi Bruderschaften (tekke, dergah, zawiya) 1925 aufgrund des eifrigen Begehrens von Atatürk und seiner Gefolgsleute per-Gesetz für verboten erklärt. Was daraus Erfolgte ist,dass sowohl Gläubige Aleviten als auch die Sunniten durch den ausgehenden politischen Druck der nationalistischen Zusammenschlüsse der Republik, von ihren religiösen Wurzeln entzweit werden sollten.
Etwa zeitgleich war der anhaltende weltpolitische Aufbruch des Kommunismus mit dem zielstrebigen Auftrag einer universalen Ausbreitung der ihr zugrunde liegenden atheistischen Weltanschauung, aus der politischen Weltbühne nicht mehr weg zu denken. Besorgniserregend mahnte in diesem Zusammenhang der einflussreiche Gelehrte Said Nursi (1877-1960) seine Alevitischen Geschwister eindringlich davor, wegen den bestehenden konfessionellen Unterschieden zu den Sunniten nicht in die Falle der Atheisten im Gewand des Materialismus zu verfallen:
„Die Aleviten sollten besser die Häretiker und die Atheisten, die mit Recht die Feindschaft sowohl der Aleviten als auch der Sunniten verdient haben, links liegen lassen und nicht gegen die Leute der Wahrheit Front bilden. Ja ein Teil der Aleviten hat sogar den Sunniten zum Trotz die Sunna aufgegeben“ […] „Bringt diesen bedeutungslosen, haltlosen, ungerechten und gefährlichen Streit unter euch möglichst schnell zu Ende! Sonst wird euch diese gegenwärtige atheistische Strömung mit starker Hand und in souveräner Weise als ein Instrument gebrauchen, um so den einen mit dem anderen zu erdrücken.“
Das Alevitentum in Deutschland

Abgesehen von den politisch-konfessionellen Differenzierungen in der Türkei, wurde inzwischen das Alevitentum in Deutschland als eine eigenständige Religionsgemeinschaft in der Absonderung zum Islam anerkannt. Im Auftrag des Ministeriums für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, verfasste die Turkologin Ursula Spuler-Stegemann 2003 ein Gutachten zu den Aleviten mit der Überschrift „Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?“. Spuler-Stegemann war von Anfang an sehr darum bemüht gewesen, die alevitische Glaubensauffassung als eine nicht islamische Glaubensgemeinschaft zu klassifizieren.
Im Gewand eines wissenschaftlichen Gutachtens bemühte sie sich sehr darum, die Aleviten von der Islamischen Theologie abzusondern. Im Gegensatz zu der Auffassung von Spuler-Stegemann, wird die Glaubensauffassung der Muslime in der Heiligen Schrift klar umrissen dargestellt. Darin wird die Theologie des Islam (2: 285; 4: 136) als die sogenannten Säulen des Glaubens (arkan al-iman), eingehend beschrieben:
„Alle (Gläubigen) glauben an Allah und seine Engel und Seine Schriften und Seine Gesandten und machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten“.
Daraus resultierend wird der Kernbestand der muslimischen Orthopraxie in den besagenden „Fünf Säulen des Islam“ (arkan ad-din) nach der folgenden Reihenfolge aufgelistet:

  • Glaubensbekenntnis (shahada)
  • Rituelles Gebet (salat)
  • Fasten im Monat Ramadan (saum)
  • Sozialabgabe (zakat)
  • Pilgerfahrt nach Mekka (hajj).

Jedes dieser einzelne für die Muslime unumgängliche Säulen, werden in mehreren authentischen Überlieferungen des Propheten, wie etwa nachfolgend in al-Buhari tradiert:
„Ibn Umar berichtet, der Gesandte Gottes (s) habe gesagt: Der Islam basiert auf fünf grundlegenden Pflichten: Dem Glaubensbekenntnis-„Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist der Gesandte Gottes“-, dem Gebet, der gesetzlichen Abgabe, der Wallfahrt sowie dem Fasten im Ramadan.“
Bezogen auf diese Fünf Säulen fügt Spuler-Stegemann lapidar in ihrem Gutachten die folgende Anmerkung dazu an: „Die Aleviten lehnen diese „fünf Säulen“ fast ausnahmslos ab bzw. haben Äquivalente dafür, die vom orthodoxen Islam als „häretisch“ eingestuft werden.“
Bereits zuvor schrieb Spuler-Stegemann in ihrem Buch Muslime in Deutschlandden Aleviten ihr Muslimsein mit dem folgenden Satz ab:
Die Aleviten lehnen die Befolgung der fünf Pflichten des Islam und die Scharia, das islamische Gesetz, ab. Statt des Monatsfasten im Ramadan begehen sie zehn oder zwölf Fasttage in jenem Monat Muharram […]. Aleviten dürfen Alkohol trinken und Schweinefleisch essen […]. Aleviten brauchen keine Moscheen, denn sie kennen weder das rituelle Gebet noch das Freitagsgebet“.
In Anlehnung an das Gutachten gelang es dem organisierten Dachverband der Aleviten AABF (Alevitische Gemeinschaft Deutschland e.V.) im Sinne des Art. 7. Abs. 3 Grundgesetz sich den Statuseiner eigenständigen Religionsgemeinschaft zu sichern. Unmittelbar nach der Absegnung des Gutachtens, was eine nicht zu unterschätzende Auswirkung auch auf die übrigen Bundesländer hatte, wurde der alevitische Religionsunterricht vorerst im Schuljahr 2006/2007 in Baden-Württemberg als eigenständiges Fach eingeführt. Schließlich wurde der Religionsunterricht übergreifend im Schuljahr 2008/2009 in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern im direkten Anschluss dazu als nächstes eingeführt.
Wie das Alevitentum zur islamischen Glaubenslehre steht

Aber wie steht das Alevitentum denn tatsächlich zur islamischen Glaubenslehre? Handelt es sich hierbei durchaus um eine eigenständige Philosophie, oder eher doch um einen Bestandteil innerhalb des Islams, die ausschließlich aus der islamischen Mystik hervorgegangen ist? Der wichtigste ethische Leitspruch der Aleviten „Eline, diline, beline sahip ol“ (Beherrsche deine Hände, deine Zunge und deine Lende), die dem einflussreichsten alevitischen geistlichen Haci Bektas Veli (1209-1271) zugeschrieben wird, kann sich ohne weiteres in allen monotheistischen Religionen begründen lassen.
Abergibt es dennoch bei den Aleviten sogenannte autoritative Texte, die eine verbindliche Glaubenslehre der Aleviten unmissverständlich definieren können? Die wesentlichen Grundlagentexte, die vor allem einen verbindlichen Charakter darzustellen vermögen, können bereitwillig folgendermaßen skizziert werden:

  1. Buyruk („Gebot“, „Befehl“, „Weisung“). Die Buyruk wird als das meistgelesene Buch der Aleviten bezeichnet, was auch unter dem Namen „Das Gebot Imam Ga´far“ (imam Cafer Buyrugu) genannt wird, da sie unmittelbar auf den sechsten Imam Ga´far as-Sadiq (702-767) zurückgeführt wird. Timo Güzelmansur bemerkt hierzu an: „Die Aleviten verstehen das Buch als ein den Qur´an erklärendes und ergänzendes Werk“.
  2. Vilayetname („Erzählung“). Die Vilayetname soll die Erzählungen von Haci Bektas Veli beinhalten. In einem bis heute erhalten gebliebenen Manuskript wird von Ali Celebi darauf hingewiesen, dass er dieses Werk in den Jahren zwischen 1624/1625 seinerseits direkt vom Originaltext abgeschrieben hat.
  3. Makalat (Abhandlungen). Die Makalat wird als das wichtigste Vermächtnis von Haci Bektas Veli betrachtet. Mit größter Wahrscheinlichkeit wurde das Werk direkt von Haci Veli diktiert.
  4. Nahdsch-ul-Balagha (Pfad der Eloquenz). Hier sind die Aussagen und Predigten von Ali b. Abi Talib (ca. 597/601-661) zusammengestellt worden. Scharif Radhi (ca. 969-1015), der zugleich auch ein Nachkomme von Ali war, verschriftlichte und trug die Sprüche, die Predigten und Vermächtnisse des vierten Khalifen Ali zusammen. Allerdings wies Radhi darauf hin, dass für sein Buch die wichtigste Grundlage das Werk von Zaid ibn Wahab al-Dschuhni (gest. ca. 715) gedient hatte, da al-Dschuhni bei Versammlungen und anderen Gelegenheiten die Predigten persönlich aufschrieb, die Imam Ali gehalten hatte.

Interessanterweise zeugen alle diese zitierten Primärquellen ausnahmslos davon, dass die Glaubenssäulen des Islam ein fester Bestandteil auch in der Alevitischen-Lehre darstellen. In dem Buyruk wird ausdrücklich darauf Bezug genommen, wonach an alle in der Chronologie geoffenbarten Heiligen Bücher von Gott zu glauben sind. Des Weiteren werden die Menschen im Buyruk nachdrücklich dazu aufgefordert, sich in die Lehren des Qur´an zu vertiefen, um den Segen Gottes zu erhalten.
Als dann besagt dieselbe Quelle den nachkommenden fundamentalen Satz, der wahrscheinlich auch nicht wenige Aleviten verwundern würde: „Und den Leuten der Scharia bedarf es folgender Dinge: Beten, fasten, nach Mekka pilgern und wenn sie in der Lage sind, die Almosenabgabe (zakat) verrichten“. Ferner unterstreicht Haci Bektas Veli in seinem Makalat in aller Deutlichkeit den Wert des Glaubens (arkan al-iman)hervor, wie sie punktuell im Qur´an (2: 285; 4: 136) beschrieben worden sind.
Aber dennoch: wenn die Glaubensgrundlagen der Aleviten sich tatsächlich primär auf die Blutsverwandtschaft des Propheten Muhammad in der Erscheinung der Ahl-ul-Bait beziehen, wie kann es trotzdem dazu kommen, dass in der Gegenwart nicht wenige Aleviten sich gegen die islamische Orthopraxie aussprechen, ja sich sogar außerhalb des Islam wie in dem berüchtigten Slogan Ali´siz Alevilik (ein Alevitentum ohne Ali) sehen und definieren? Die im muslimischen Kulturkreis ältesten erhalten gebliebenen historischen Quellen wie etwa: Kitabu´l al-Magazi(Buch der Feldzüge) von Az- Zuhri (gest. 742), As-Sira An-Nabawiya (Das Leben des Propheten) von Ibn Ishaq (704-767) und Kitab at-tabaqat al-kabir (Das große Klassenbuch) von Ibn Sa´d (784-845) berichten einvernehmlich von der vorbildhaften religiösen Verbundenheit von Ali b. Abi Talib an die islamische Orthopraxie.
Daher erscheint es für Muslime nicht selten etwas befremdlich, wenn sie im Alltag Aleviten begegnen, die zwar vorgeben Ali zu lieben und ihn als idealen Vorbild zu ehren jedoch im gleichen Atemzug sich distanzierend zu den fünf Säulen des Islam verhalten. Es ist historisch keineswegs zu bestreiten, dass sowohl die konstitutiven Schriften der anatolischen Aleviten sowie deren geistliche Bezugspersonen der Ahl-ul-Bait (Nachkommen des Propheten) als auch Haci Bektas Veli, vorbildhafte Muslime in der Anlehnung an den Qur´an und dem Propheten Muhammad gelebt hatten. Als der Prophetengefährte Abdullah Ibn Abbas über den vierten Khalifen Ali befragt wurde, beschrieb er dessen vorbildhaften Charakter für alle Muslime mit dem folgenden Satz:
„[…] Er (Ali) führte die Pilgerfahrt und den siebenmaligen Lauf zwischen As-Safa und Al-Marwa vorbildlich durch; er war der beste Prediger unter den Menschen nach den Propheten und dem auserwählten Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede auf ihm; er nahm an Gebeten in beide Gebetsrichtungen der Muslime teil (zuerst Jerusalem, dann Makka). Ist ihm also ein Bekenner der Einheit Allahs ebenbürtig? […].“
Allerdings bleibt weiterhin die paradoxe Frage im Raum stehen, weshalb bestimmte Anhängerschaften der Alevitischen Gemeinden sich weiterhin außerhalb des Islam verorten, wo doch ihre Primärquellen unbestritten im Meer des Islam münden?

Dr. Ecevit Polat