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Früher waren die Juden verdächtig, heute die Muslime

 

Guantánamo ist ein Schandfleck für die USA, wie es die Justizaffäre Dreyfus für Frankreich war: Louis Begley betrachtet die Gegenwart mit den Augen des Historikers.

 

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So schnell wollte wohl selten ein gewählter Präsident ein Wahlversprechen einlösen: Kurz nach seiner Amtseinführung setzte der amerikanische Präsident Obama sämtliche Verfahren vor Militärtribunalen gegen Häftlinge von Guantánamo aus; zugleich kündigte er an, das Gefangenenlager innerhalb eines Jahres zu schliessen. (Wie schwierig die Umsetzung dieses Vorhabens ist, zeigt sich gegenwärtig, wenn es darum geht, Guantánamo-Insassen anderswo unterzubringen.) In der amerikanischen Exklave auf Kuba wurden Hunderte mutmasslicher Terroristen jahrelang ohne Urteil, ja ohne Anklage und ohne Rechtsbeistand festgehalten; sie befanden sich in einem juristischen Vakuum; ihre Haftbedingungen grenzten an Folter und überschritten diese Grenze.

 

Die Mächte der Finsternis

 

Das Buch über diese ungeheure Verirrung einer US-Regierung, die das eigene und das Völkerrecht jahrelang mit Füssen getreten hat und dem Ansehen ihres Landes vor der Welt und der Geschichte immensen Schaden zugefügt hat, muss noch geschrieben werden. Was Louis Begley unter dem so verwirrenden wie reisserischen Verlagstitel «Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Albtraum der Geschichte» vorlegt, ist es nicht. Dem aktuellen Skandal widmet er nur wenige Seiten. Der Löwenanteil seines Buches gilt einem historischen Fall, der berühmten Affäre Dreyfus (1894–1906), in der er klare Parallelen zu erkennen meint. Er hält seine Leser für intelligent genug, diese selbst zu ziehen und sich auf die Darstellung des damaligen Falles zu konzentrieren.

 

Die Dreyfus-Affäre, die mit einem Fehlurteil begann und die französische Gesellschaft über Jahrzehnte regelrecht zerriss, ist eine viel behandelte Materie. Sie gilt heute im Allgemeinen als Sieg von Recht und Fortschritt über die reaktionären Institutionen und die Mächte der Finsternis. Vor allem die entscheidende Rolle von Presse und Öffentlichkeit wird gern herausgestrichen; der moderne, politisch engagierte Intellektuelle ist im Verlauf der Affäre erstmals machtvoll in Erscheinung getreten. Der Begriff «intellectuel» selbst ist damals aufgekommen.

 

Verbannung auf die Teufelsinsel

 

Begleys Darstellung des jahrelangen Ringens um die Rehabilitierung eines unschuldig verurteilten jüdischen Offiziers ist bestechend. Dreyfus war wegen angeblicher Spionage aufgrund gefälschter Beweise auf die berüchtigte Teufelsinsel verbannt worden. Wer die «Affäre» begreifen will, findet nichts Besseres. Das Buch hat die Klarheit eines juristischen Plädoyers und die Spannung eines Thrillers. Es gelingt dem Autor, die komplizierte Gemengelage aus juristischen Winkelzügen, politischem Lobbyismus und öffentlicher Erregung, institutionellen und persönlichen Interessen zu durchdringen und das Auf und Ab der beiden Parteien wie ein bewegtes Schlachtengemälde zu inszenieren.

 

Dabei fällt der Blick des Betrachters auf Dutzende von Einzelheiten, ohne die grossen Linien aus dem Auge zu verlieren. Er schaut in die Fälscherwerkstatt des Majors Henry, der die belastenden Dokumente, die es nicht gibt, eben selbst fabriziert; in den Generalstab, wo die eigenen Verfehlungen konsequent vertuscht werden, in die Nationalversammlung, wo die Abgeordneten, besoffen vor Nationalismus, die Revision des Verfahrens ablehnen; auf die ungemein hartnäckige Familie des Verurteilten, der gerade in Momenten grösster Niedergeschlagenheit neue Verbündete zulaufen; ins Schreibzimmer des grossen Romanciers Emile Zola, der mit seinem legendären «J'accuse» die entscheidende Wende bewirkt; aber auch auf die Ile du Diable vor der Küste von Französisch-Guyana, wo Dreyfus über vier Jahre lang in einer drei mal drei Meter grossen Zelle festgehalten wurde, zeitweise in Ketten, ohne Nachricht von der Aussenwelt, ohne Erlaubnis, mit irgendeinem Menschen zu sprechen, ohne das Meer zu sehen.

 

Patriotisch, korrekt und reich

 

Begley ist vielleicht der ideale Autor für die «Affäre». Als Ludwik Begleiter 1933 in Polen geboren, entging er dem Holocaust nur unter falscher, katholischer Identität. In den USA arbeitete er über vier Jahrzehnte in einer grossen Anwaltskanzlei. Seit seinem späten Romandebüt «Lügen in Zeiten des Krieges» (1991) zählt er zu den bemerkenswerten literarischen Stimmen der USA. So sind alle Dimensionen des Dreyfus-Komplexes bei ihm bestens aufgehoben. Begley sieht zu Recht in dem äusserst aggressiven französischen Antisemitismus eine der stärksten Triebkräfte der Affäre. Dreyfus – patriotisch, korrekt und überdies reich – hatte keinerlei Motiv, sein Vaterland zu verraten; aber er war Jude: Als solchem traute man ihm alles zu. Der Jurist Begley wiederum analysiert souverän komplizierte Verfahrensfragen und die Winkelzüge beider Seiten; der Romancier sorgt für Eleganz und Glanz der Darstellung.

 

Überdies stellt Begley die Ereignisse in einen grösseren geschichtlichen Rahmen. Frankreich war gedemütigt durch die Niederlage im 1870er-Krieg gegen Deutschland; in einer regelmässig von Skandalen erschütterten Gesellschaft, regiert von einer korrupten Klasse, galt die Armee als Hort der Ehre. Die Vorstellung, diese könnte durch einen Spion befleckt sein, war unerträglich – ausser dieser Spion war «keiner von uns».

 

Beinahe Bürgerkrieg

 

Die Spaltung Frankreichs in «Dreyfusards» und «Antidreyfusards» – der Riss ging durch alle Milieus, sogar durch Familien; Marcel Prousts Vater sprach wochenlang nicht mehr mit seinen Söhnen, die an Dreyfus' Unschuld glaubten – überdauerte die Affäre. Menschenrechtler und Institutionalisten, Antiklerikale und Kirchentreue, Linke und Rechte bekämpften sich noch in den Dreissigerjahren mit einer Heftigkeit, die beinahe zum Bürgerkrieg führte.

 

Die scharfen Judenbestimmungen des kollaborationistischen Vichy-Regimes wurden von nicht wenigen als «Rache für Dreyfus» gedeutet.

 

Bei aller Bedeutung der juristischen Dimension – wie es also kam, dass ein im Prinzip funktionierender Rechtsstaat so missbraucht werden konnte, und mit welchen Mitteln das Unrecht korrigiert wurde: Die entscheidenden Impulse zugunsten von Dreyfus kamen von Einzelnen, die sich öffentlich engagierten und sich dabei unter hohem persönlichem Risiko gegen ihre Vorgesetzten oder gegen den Mainstream stellten. Die wichtigsten waren neben Dreyfus' Bruder Mathieu der Journalist Bernard Lazare, dessen Broschüre weite Verbreitung fand; Georges Picquart, der im Laufe der Affäre die Abteilung für militärische Spionageabwehr übernahm und die Verbrechen seiner Vorgänger und Vorgesetzten aufklärte, obwohl er zwischenzeitlich selbst ins Gefängnis kam; und eben Emile Zola. Auch er wurde angeklagt und wegen Verleumdung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. 1902 starb er an einer Kohlenmonoxidvergiftung, verursacht durch einen verstopften Kaminabzug, möglicherweise ein perfider Mordanschlag.

 

Die neuen Vorurteile

 

«Why the Dreyfus Affair Matters» heisst Begleys Buch im englischen Original. Warum also geht die alte Geschichte uns an? Wegen der zahlreichen Analogien und Parallelen. Einschliesslich dieser: Was der Antisemitismus im damaligen Frankreich war, seien Vorurteile gegen Muslime im heutigen Amerika. Ohne die seien die skandalösen Verstösse gegen grundlegende Rechtsgrundsätze nicht zustande gekommen. Und auch die Helden der Dreyfus-Affäre haben ihre Entsprechung in der Gegenwart. Es sind Journalisten, die den Machtmissbrauch der Bush-Regierung offenlegten; Bundesrichter, die den Rechtsstaat gegen seine Verdreher verteidigten und auf ihre Zuständigkeit auch für die exterritorial geparkten Häftlinge beharrten; Militäranwälte, die gegen ungesetzliche Verhörmethoden protestierten. Auch sie brauchten Mut, sich für unbekannte Menschen und abstrakte Prinzipien einzusetzen, gegen sehr konkrete Mächte und Meinungsströme. «Sie», bilanziert Begley pathetisch, «retten die Ehre der Nation.»

 

 

Von Martin Ebel, Basler Zeitung, 25.06.2009

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