Webmaster Geschrieben vor 8 Stunden Teilen Geschrieben vor 8 Stunden Muslimische Zukunft Der Islam gehört zu unserem Land – das hat Konsequenzen Von Till-Reimer StoldtPolitik-Redakteur Veröffentlicht am 06.02.2026, WELT, Lesedauer: 5 Minuten Ein gutes Stück deutscher Zukunft ist muslimisch geprägt. Höchste Zeit, mit der eigenen Zukunft freundlicher umzugehen Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa/picture alliance Ein Fünftel unserer Jugend ist muslimisch. Aber noch immer wird debattiert, ob der Islam zu Deutschland gehört, und noch immer prägt oft ein grob undifferenzierter Ton den Umgang mit Muslimen. Hört das nicht auf, kann man unserem Land nur noch eins attestieren: die Lust, sich selbst zu schwächen. „C - A - F - F - E - E, trink nicht so viel Ca-a-a-affee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann!“ Dieses Kinderlied wurde vor etwa 20 Jahren noch in unseren Schulen gesungen. Was mag ein türkeistämmiger oder muslimischer Schüler dabei wohl empfunden haben? Eine rhetorische Frage. Deshalb wurde das Lied ja auch längst aus dem Curriculum aussortiert. Gut so. Obwohl manche sich wehmütig daran erinnern mögen, wie sie diesen hübschen Kanon einst ganz unschuldig angestimmt haben. Doch des einen nette Kindheitserinnerung ist des anderen Schmerz. Und auch ohne bösen Willen gesungene Breitseiten bleiben Breitseiten. Wir brüskieren unsere muslimische Zukunft Das Beispiel führt vor Augen, was uns bevorsteht: Unser Land sollte Abschied nehmen von gedankenlosen Kränkungen gegen Muslime. Erstens aus selbstverständlicher Rücksichtnahme. Zweitens, weil die Zahl muslimischer Mitbürger steigt. In NRW zum Beispiel, so erinnerte das dortige Schulministerium jüngst, sind mittlerweile gut 20 Prozent aller Schüler Muslime (für andere Bundesländer fehlt es leider an ähnlich präzisen Zahlen). Ein gutes Fünftel unserer Zukunft sollte man nicht, schon gar nicht systematisch, brüskieren. Es sei denn, man will eine gehässige Atmosphäre schaffen, die Muslime aus Deutschland vergrault. Das würde erklären, warum AfD-Politiker aktuell wieder so laut trompeten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Doch solch ein Versuch wird scheitern. Unsere zu 20 Prozent muslimische Zukunft wird Deutschland kaum verlassen. Auswanderungspläne schmieden Muslime in größerer Zahl einzig für den Fall, dass die AfD an die Macht käme und Millionen Muslime abzuschieben versuchte. Aber dazu wird es Gott sei Dank nicht kommen. Nur eins wird den Rausekel-Strategen gelingen: Sie vergiften das Miteinander und schwächen unser Land. Sie sind sozusagen wahre Integrationsverweigerer. Wäre etwas mehr Rücksicht auf Muslime da nicht die bessere Alternative? Ein paar Beispiele: Muslime tauchen in der Öffentlichkeit meist entweder als „liberale Muslime“ oder als „Islamisten“ auf. Diese Grob-Dichotomie unterschlägt, wo sich ein großer Teil hiesiger Muslime einordnet: zwischen diesen Polen, in der (für deutsche Verhältnisse) mehr oder weniger konservativen Mitte. Warum überhören wir all die Zwischentöne jenseits von grün-roten LSBTI-Muslimen und gefährlichen Islamisten? So erschwert man Muslimen die Beheimatung hierzulande. Wenn die Islamismus-Keule geschwungen wird Ohnehin muss man zunehmend von einer Islamismus-Keule sprechen, die allzu leichtfertig geschwungen wird. Als Islamisten gelten einerseits dschihadistische Terroristen wie der „IS“, die metzeln, steinigen und Hände abhacken. Andererseits fallen darunter friedliche Mitbürger türkischer Abstammung, die sich zur deutschen Demokratie bekennen und mit Terror und Körperstrafen rein gar nichts zu tun haben. Nur mit der Regierung in Ankara – mit der sympathisieren sie. Aber reicht das aus, ihnen das Islamismus-Stigma anzuheften? Laut Experten wird die Türkei zwar autoritär, aber kaum islamistisch regiert. Trotz seiner immensen Machtfülle und einer erfolgreichen Verfassungsreform hat der türkische Präsident die säkulare Verfassungsordnung nie angetastet. Nie hat er versucht, Körperstrafen einzuführen. Stattdessen verfolgt er „IS“-Anhänger. Welchen Sinn ergibt es, so grundverschiedene Muslime in eine einzige unvorteilhafte Begriffs-Schublade zu stecken? Eine Folge dieser Grobetikettierung ist offensichtlich: Viele Muslime fühlen sich von hiesigen Behörden und Medien denunziert. Stramm konservativ und islamistisch ist für sie zweierlei – genauso wie rechtskonservativ und rechtsextrem. Ein bisschen Differenzierung könnte da befriedend wirken. Ist denn politisches Christentum gleich Extremismus? Ähnlich unfair ist die von Politik und Medien verwandte Bezeichnung des Islamismus als „politischer Islam“ (die Kenner wie der langjährige Leiter des NRW-Verfassungsschutzes Burkhard Freier stets ablehnten). Politische Aktivität von Muslimen wird dadurch zum Synonym für Islamismus erklärt. Somit gerät jedes politische Engagement von Muslimen unter Extremismusverdacht. Wie konnte sich eine derart denunzierende Terminologie durchsetzen? Es käme ja auch niemand auf die Idee, jedes politische Engagement von Christen zum „politischen Christentum“ zu küren und dieses als Synonym für christlichen Extremismus zu verwenden. Es wäre Rufmord, den Kirchen Verfassungsfeindlichkeit zu unterstellen, weil sie sich, sagen wir, für den Globalen Süden einsetzen. Wenn aber Muslime für das gleiche Ziel streiten, sollen andere Regeln gelten? Ditib als „Feind“? Nein, das ist kein Umgang! Längst aber hat sich im öffentlichen Umgang mit Muslimen etwas verselbstständigt. Zugegeben: Zuspitzung und plakative Etiketten sind praktisch, bequem. Aber das rechtfertigt keine methodische Grobheit gegen eine Religionsgemeinschaft. Nehmen wir als Beispiel den Moscheeverband Ditib: Kritik an ihm muss möglich sein (und sie wird ja auch reichlich geübt). Aber warum soll man einen Verband mit hunderttausenden Anhängern zum „Feind“ ausrufen? Damit wird man Gläubigen, denen es um Gott und den Nächsten geht, nicht gerecht; genauso wenig wie all den Seelsorgern, Sterbehelfern, Seniorenbegleitern, Nachhilfebetreuern oder Religionsbeauftragten, die sich vor Ort um ihre Gemeindeglieder kümmern. Da muss auch der Autor dieses Textes um Entschuldigung bitten, der sich einmal zu dieser „Feind“-Markierung hat hinreißen lassen. Nein, das ist kein Umgang. Der voreilige Antisemitismus-Vorwurf Auch dass der neue Ditib-Vorsitzende Ramazan Ilikkan, kaum im Amt, sofort als Antisemit geschmäht wurde, war ein grobes Foul – und das auch noch auf Vorschuss. Natürlich wird Ditib von Diyanet (dem türkischen Amt für Religionsangelegenheiten) und damit vom türkischen Staat beeinflusst. Und ein früherer Diyanet-Vorsitzender hat das Existenzrecht Israels tatsächlich während der Hochphase des Gaza-Krieges bestritten. Das gilt aber nicht für Ramazan Ilikkan, seinen Generalsekretär Eyüp Kalyon und viele andere Ditib-Spitzenfunktionäre. Sie alle verdammen Antisemitismus und Auslöschungsfantasien (auch gegenüber dieser Zeitung). Stimmt, einige Ditib-Mitglieder haben sich schon antisemitisch geäußert. Es gab also Gesprächsbedarf. Der Verband hat aber auch längst intensive Gespräche geführt mit deutschen Behörden wie dem Bundesinnenministerium oder der NRW-Staatskanzlei. Und schon zuvor hatte Dititb interne Fortbildungen gegen Antisemitismus gestartet. Deutschland, ein religiöses Zweistromland Was außer verschärften Feindbildern soll es bringen, den Gesamtverband und seine Repräsentanten aufs Geratewohl als antisemitisch zu verunglimpfen? Für Diffamierung der bei Weitem mitgliederstärksten Muslim-Organisation eines Landes sollte nirgends Platz sein – aber ganz bestimmt nicht in einem Land, dessen Zukunft zu 20 Prozent muslimisch ist. Deutschland hat sich in ein religiöses Zweistromland verwandelt. So etwas bleibt nicht folgenlos. Und das muss in den Köpfen ankommen. Zitieren Link zu diesem Kommentar Auf anderen Seiten teilen Mehr Optionen zum Teilen...
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