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Die eindimensionale Wahrnehmung der Muslime

Die Biografien von religiös-motivierten Extremisten zeigen ein auffälliges Muster. Ein großer Teil dieser Personen verfügte nicht über eine fundierte religiöse Bildung. Im Gegenteil. Viele hatten nur sehr oberflächliche religiöse Kenntnisse, erlebten in ihrem Leben Orientierungslosigkeit und wiesen teilweise eine kriminelle Vergangenheit auf (vgl. Şahinöz, 2016). Dass sie sich innerhalb kürzester Zeit zu “heiligen Kriegern“ erklärten, lässt sich weniger theologisch als vielmehr psychologisch und soziologisch erklären.

In vielen Fällen glaubten gewöhnliche Straftäter, sie könnten ihrem leeren Leben durch wahlloses Töten einen Sinn geben. Gewalt bot ihnen Identität und Zugehörigkeit. An die Stelle eines ziellosen Lebens trat eine dramatische, vermeintlich heroische Erzählung. Religion wurde dabei häufig nicht als inhaltlich verstandenes Glaubenssystem genutzt, sondern als symbolisches Mittel der Legitimation.

Die “Islamisierung“ der Radikalisierung

Diese biografischen, psychologischen und sozialen Dimensionen werden jedoch oft ausgeblendet. Stattdessen wird Radikalisierung ausschließlich “islamisiert“ erklärt. Dabei ist sie das Ergebnis vielschichtiger Prozesse wie Identitätskrisen, Ausgrenzung, krimineller Vorerfahrungen, Sinnsuche und Marginalisierung.

Dennoch dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung eine vereinfachende Erzählung. Ist der Täter Muslim, wird der Islam zum Problem erklärt. Ist er kein Muslim, gilt die Tat als individuelle Abweichung. Dieser doppelte Maßstab schwächt nicht nur wissenschaftliche Analysen, sondern gefährdet auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die eindimensionale Wahrnehmung

Migranten aus mehrheitlich muslimischen Ländern werden heute häufig in erster Linie als Muslime wahrgenommen. Ihre ethnische Identität tritt in den Hintergrund. Individuelle Eigenschaften verschwinden. Menschen werden nicht mehr über ihren Beruf, ihre Talente, ihre politischen Überzeugungen oder ihre persönlichen Lebensgeschichten betrachtet, sondern als Repräsentanten ihrer Religion (Mudhoon, 2025).

In der öffentlichen Debatte werden Personen, die muslimisch gelesen werden, regelrecht “islamisiert“, völlig unabhängig davon, ob sie tatsächlich Muslime sind oder die Religion für sie von Bedeutung ist. Allein das vermeintlich “muslimische Aussehen“, was immer das sein soll, reicht aus, um als Repräsentant des Islams wahrgenommen zu werden. Doch der reale Alltag wird vielmehr von sozialen Beziehungen, beruflichen Anforderungen, kulturellen Gewohnheiten und individuellen Entscheidungen geprägt.

Der “Krieg gegen den Terror“ und das Klima des Generalverdachts

Diese realitätsferne, religionsfixierte Sichtweise ist in hohem Maße eine Folge des sogenannten “Krieges gegen den Terror“. Die Sicherheitsmaßnahmen nach dem 11. September 2001 haben die Situation von Muslimen in westlichen Gesellschaften grundlegend verändert (Mudhoon, 2025). Plötzlich sah sich eine breite Bevölkerungsgruppe einem Generalverdacht ausgesetzt.

Präventive Fahndungsmaßnahmen richteten sich gezielt gegen ausländische Personen muslimischen Glaubens. Dadurch wurde faktisch die gesamte muslimische Bevölkerung stigmatisiert. Sicherheitslogik verdrängte das Prinzip individueller Verantwortlichkeit und stärkte eine Logik kollektiver Zuschreibung.

Viele Muslime mussten Einschränkungen ihrer bürgerlichen Rechte hinnehmen. Von verschärften Kontrollen an Flughäfen über Probleme bei Bankgeschäften bis hin zu behördlichen Hürden im Vereinsleben entstanden neue Formen struktureller Benachteiligung.

Diskriminierung im Alltag

Besonders Muslime mit sichtbar erkennbarer religiöser Identität waren und sind im Alltag stark von Vorurteilen und Diskriminierung betroffen. Auf dem Arbeitsmarkt stoßen etwa kopftuchtragende Frauen auf erhebliche Barrieren. Auf dem Wohnungsmarkt erfahren Menschen mit ausländisch klingenden Namen Benachteiligungen. Auch verdeckte Ausschlussmechanismen im Berufsleben sind dokumentiert.

Zugleich ist die Zahl antimuslimischer Straftaten deutlich gestiegen. Angriffe auf Moscheen, Drohbriefe, körperliche Übergriffe und Beleidigungen zeigen, wie stark sich das gesellschaftliche Klima verschärft hat.

Hinzu kommt, dass Migranten für politische oder gesellschaftliche Probleme in ihren Herkunftsländern verantwortlich gemacht werden (Mudhoon, 2025). Ereignisse in der Türkei, in Syrien oder anderswo führen nicht selten zu pauschalen Vorwürfen gegenüber hier lebenden Bürgern.

Die Ethnisierung des Islam und seine politische Instrumentalisierung

Die Ethnisierung des Islam betrifft nicht nur praktizierende Muslime, sondern auch Menschen aus mehrheitlich muslimischen Regionen, die ihre Religion kaum oder gar nicht ausüben. Ein Name, eine Hautfarbe oder eine familiäre Herkunft genügt, um jemanden automatisch der Kategorie “Islam“ zuzuordnen.

In vielen europäischen Ländern ist das Bild des Islam zu einem ideologischen Bindeglied für rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien geworden (Mudhoon, 2025). Um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren und zu festigen, zeichnen diese Kräfte den Islam als angeblich rückständig und gewaltgeneigt. Dem setzen sie ein Bild eines aufgeklärten und zivilisierten Westens entgegen.

Diese Rhetorik konstruiert zwei gegensätzliche Blöcke und reduziert komplexe gesellschaftliche Realitäten auf einfache Kulturkampf-Erzählungen.

Die Notwendigkeit eines differenzierten Verständnisses

Ein differenzierteres Verständnis muslimischer Lebensrealitäten kann helfen, weitverbreiteten Verdacht, Verzerrungen und Abwertungen zu überwinden. Dafür müssen Muslime als mehrdimensionale Individuen wahrgenommen werden.

Muslime sind in erster Linie Bürger, Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen, Lehrer, Ärztinnen, Handwerker, Künstler. Der religiöse Glaube allein definiert einen Menschen nicht.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht dort, wo individuelle Verantwortung statt kollektiver Zuschreibung gilt. Ein Rechts- und Gesellschaftsverständnis, das Handlungen bewertet und nicht Identitäten, kann Sicherheit und Freiheit gleichermaßen schützen. Muslime nicht nur als Muslime, sondern vor allem als Menschen und Bürger zu sehen, ist dafür eine zentrale Voraussetzung.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, April 2026

Literatur

  • Mudhoon L.: Unter Verdacht. In. Zeit Geschichte, 6, 2025, S. 100-103
  • Şahinöz C.: Salafismus. Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln. 2. Auflage. BOD: Norderstedt, 2016

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