Zum Inhalt springen
Qries Qries Qries Qries Qries Qries

Empfohlene Beiträge

Erinnerungskultur schützt nicht vor Wiederholungen.

„Nie wieder“ muss Mechanismen erkennen

Das Forum für Komparative Theologie an der Universität Paderborn organisiert regelmäßig das Format “Paderborner Gespräche“. Thema der letzten Veranstaltung war “Erinnerung suchen - Verletzlichkeit tragen“. Die Organisatoren und Moderatoren des Abends Mohammed Abdelrahem, Yael Attia und Katja Grashöfer kamen mit den Referenten Ella Ponizovsky Bergelson, Martina Aras und Cemil Sahinöz ins Gespräch. Gemeinsam mit den Zuhörern, u.a. der muslimischen Hochschulgruppe DMMK, entwickelten sich daraus spannende Dialoge zum Umgang mit der Erinnerungskultur. Meine eigenen Thesen möchte ich hier kurz wiedergeben.

Geschichte wiederholt sich?

Der große muslimische Gelehrte und der Begründer der Soziologe Ibn Khaldun schrieb einst den Satz: „Die Geschichte wiederholt sich.“ Dieser Satz klingt zunächst pessimistisch. Doch er beschreibt eine historische Realität, die Gesellschaften immer wieder verdrängen. Menschen glauben häufig, dass historische Katastrophen einzigartige Ausnahmen gewesen seien. Dabei ähneln sich die gesellschaftlichen Mechanismen oft erschreckend stark. Ausgrenzung beginnt selten plötzlich. Sie wächst langsam, normalisiert sich schrittweise und tarnt sich fast immer als etwas Vernünftiges, Notwendiges oder Gesellschaftsschützendes.

Deutschland verfügt zweifellos über eine ausgeprägte Erinnerungskultur. Gedenkstätten, Bildungsprogramme, Schulunterricht und öffentliche Rituale sind Ausdruck eines ernsthaften historischen Verantwortungsbewusstseins. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob erinnert wird. Die entscheidende Frage lautet, ob die Gesellschaft die Mechanismen erkennt, die damals wirkten und heute erneut entstehen können.

Denn „Nie wieder“ bedeutet nicht nur, historische Ereignisse emotional zu erinnern. Es bedeutet auch zu analysieren, welche gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Mechanismen überhaupt dazu geführt haben, dass solche Entwicklungen entstehen konnten. Nur wer Ursachen erkennt, kann Wiederholungen vorbeugen. Erinnerungskultur darf sich deshalb nicht nur auf das Gedenken konzentrieren, sondern muss auch Frühwarnsystem gesellschaftlicher Entwicklungen sein.

Erinnerung wird oft museal statt gesellschaftlich verstanden

Viele Formen der Erinnerungskultur konzentrieren sich stark auf die Vergangenheit als abgeschlossene historische Epoche. Genau darin liegt jedoch eine Gefahr. Erinnerung darf nicht nur rückwärtsgewandt sein. Sie muss gegenwartsfähig bleiben.

Wenn Erinnerung nur noch aus ritualisierten Formeln besteht, verliert sie ihre gesellschaftliche Schutzfunktion. „Nie wieder“ wird dann zu einem moralischen Symbolsatz, der zwar oft ausgesprochen wird, aber im Alltag kaum praktische Konsequenzen entfaltet. Man erinnert sich an historische Verbrechen, erkennt jedoch ähnliche Dynamiken, Strukturen und Mechanismen in der Gegenwart nicht rechtzeitig. Daher ist es wichtig, eine moralische Brück zur Gegenwart zu bauen.

Denn Diskriminierung beginnt nicht erst mit Gewalt. Sie beginnt mit Sprache, mit Pauschalisierungen, mit ständiger Verdächtigung, mit medialen Bildern, die bestimmte Gruppen immer wieder mit Problemen, Gefahr oder gesellschaftlicher Belastung verbinden. Sie beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern nur noch als Vertreter einer vermeintlich problematischen Gruppe. Vor allem wenn man der Diskriminierung gegenüber gleichgültig ist oder sie als normal empfindet, verbreitet sie sich rasant.

Besonders problematisch ist dabei, dass Diskriminierung im Alltag häufig unsichtbar bleibt. Sie zeigt sich oft nicht offen, sondern versteckt sich hinter Witzen, beiläufigen Bemerkungen oder scheinbar harmlosen Sprüchen. Auch institutioneller Rassismus bleibt für viele unsichtbar, weil Betroffene die Benachteiligung häufig alleine erleben. Bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt oder im Kontakt mit Behörden erleben Menschen Ausgrenzung oftmals subtil und ohne Zeugen. Gerade weil viele diese Mechanismen nicht unmittelbar sehen, muss Diskriminierung umso deutlicher sichtbar gemacht und benannt werden.

Ausgrenzung beginnt mit gesellschaftlicher Gewöhnung

Daher radikalisieren sich Gesellschaften selten abrupt. Viel häufiger gewöhnen sie sich Schritt für Schritt an neue Formen der Abwertung. Darin liegt die eigentliche Gefahr.

Wenn Menschen aufgrund ihres Namens schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben, wenn religiöse Symbole automatisch Misstrauen erzeugen oder wenn ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht geraten, dann entstehen gesellschaftliche Muster, die ernst genommen werden müssen.

Viele Betroffene berichten nicht von einzelnen spektakulären Ereignissen, sondern von einer dauerhaften Atmosphäre subtiler Abwertung, wie z.B. von Blicken, Bemerkungen oder von der ständigen Erwartung, sich erklären oder distanzieren zu müssen. Solche Erfahrungen mögen für Außenstehende klein wirken. In ihrer dauerhaften Wiederholung entfalten sie jedoch eine enorme psychologische Wirkung.

Besonders problematisch ist dabei die gesellschaftliche Tendenz zur Relativierung. Menschen hören häufig Sätze wie: „Das war bestimmt nicht so gemeint“ oder „Du bist zu empfindlich“. Dadurch entsteht eine zweite Verletzung. Nicht nur die Diskriminierung selbst belastet die Betroffenen, sondern auch die Erfahrung, mit ihrem Schmerz nicht ernst genommen zu werden. Betroffene sind dann doppelt belastet, da sie nicht wissen, wohin sie mit ihrem Problem hingehen können.

Viele Betroffene erleben zusätzlich ein tiefes Gefühl der Ohnmacht. Sie haben das Gefühl, dass sie sich gegen bestimmte gesellschaftliche Strukturen kaum wehren können. Deshalb ist es wichtig, Menschen nicht nur zuzuhören, sondern ihnen auch Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dazu gehört, Grenzen setzen zu dürfen, Unterstützung zu suchen und das eigene Erleben ernst zu nehmen, statt sich selbst ständig infrage zu stellen.

Ab wann Diskriminierung?

Dabei darf niemals vergessen werden, dass die Wahrnehmung der Betroffenen entscheidend ist. Viel zu oft wird versucht, Diskriminierung ausschließlich aus der Perspektive derjenigen zu bewerten, die sie verursacht haben. Doch entscheidend ist auch, wie Aussagen und Handlungen beim Gegenüber ankommen. Der islamische Gelehrte Mevlana Rumi formulierte es treffend: „Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern was dein Gegenüber davon versteht.“ Viele Betroffene beginnen irgendwann an sich selbst zu zweifeln und fragen sich: „Bin ich zu empfindlich?“ Genau dieses Schuldgefühl verstärkt die psychische Belastung zusätzlich.

Wer bestimmt also, ab wann eine Handlung, ein Spruch Diskriminierung war? Hier zählt ganz klar das Gefühl des Betroffen. Ob eine Erfahrung als diskriminierend empfunden wird, kann deshalb nicht ausschließlich von der Absicht der handelnden Person abhängig gemacht werden. Natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen keine bewusste Diskriminierungsabsicht hatten. Dennoch kann eine Aussage oder Handlung verletzend wirken und bei Betroffenen das Gefühl erzeugen, abgewertet oder ausgeschlossen zu werden. Deshalb muss das Empfinden der Betroffenen ernst genommen werden. Eine Gesellschaft, die Diskriminierung wirksam bekämpfen möchte, darf sich nicht nur fragen, was gemeint war, sondern auch, was tatsächlich ausgelöst wurde.

Erinnerung darf keine Hierarchie des Leids schaffen

Eine demokratische Gesellschaft muss in der Lage sein, verschiedene Formen von Diskriminierung gleichzeitig ernst zu nehmen. Antisemitismus muss kompromisslos bekämpft werden. Gleichzeitig darf die Gesellschaft nicht blind für antimuslimischen Rassismus, antischwarzen Rassismus oder andere Formen der Ausgrenzung werden.

Erinnerungskultur verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie historische Sensibilität nur selektiv anwendet. Wer aus der Geschichte lernen möchte, darf nicht nur auf vergangene Opfer schauen, sondern muss auch aktuelle Mechanismen der Entmenschlichung erkennen.

Dabei geht es nicht um Gleichsetzungen historischer Verbrechen. Geschichte wiederholt sich niemals identisch. Aber gesellschaftliche Dynamiken ähneln sich oft erstaunlich stark. Deshalb bleibt der Satz von Ibn Khaldun so aktuell.

Eine demokratische Gesellschaft muss früh reagieren

Das eigentliche Problem vieler Gesellschaften besteht darin, dass sie Gefahren erst erkennen, wenn sie bereits eskaliert sind. Doch demokratische Verantwortung beginnt viel früher.

Sie beginnt dort, wo Menschen systematisch ausgeschlossen werden, wo Vorurteile politisch normalisiert werden oder wo Minderheiten nur noch als Sicherheitsfrage oder kulturelles Problem diskutiert werden.

Eine funktionierende Erinnerungskultur müsste deshalb viel stärker präventiv wirken. Sie müsste Menschen befähigen, Mechanismen frühzeitig zu erkennen. Nicht erst Gewalt, sondern bereits ihre gesellschaftlichen Vorstufen.

Räume des Zuhörens

Gerade deshalb braucht es Räume des Zuhörens. In Therapie, Beratung und Seelsorge ist Zuhören eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt. Betroffene brauchen zunächst Menschen, die ihnen ohne Relativierung zuhören und ihnen Raum geben, über das Erlebte zu sprechen. Heilung beginnt oft genau dort, wo Schmerz ausgesprochen werden darf. Erst wenn Menschen ihre Erfahrungen erzählen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen, entsteht das Gefühl, wieder gesehen und ernst genommen zu werden.

Verletzlichkeit ist dabei keine Schwäche, sondern etwas zutiefst Menschliches. Problematisch wird Verletzlichkeit erst dann, wenn Menschen mit ihrem Schmerz alleine gelassen werden. Deshalb müssen Gesellschaften lernen, Verletzlichkeit gemeinsam zu tragen, damit daraus keine Isolation entsteht. Betroffene brauchen sichere Räume, in denen ihre Erfahrungen ernst genommen werden und in denen sie nicht nur symbolisch eingeladen, sondern tatsächlich in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Solche Räume schaffen Begegnung, Dialog und die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Gerade in polarisierten Zeiten braucht eine demokratische Gesellschaft Orte, an denen Menschen einander zuhören, voneinander lernen und gemeinsam Verantwortung für gesellschaftlichen Zusammenhalt übernehmen.

Kennenlernen

Wichtig ist deshalb vor allem echte Begegnung. Viele Vorurteile entstehen dort, wo Menschen einander nicht kennen. Ali, der Schwiegersohn des Propheten Muhammed, sagte einst sinngemäß: „Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt.“ Durch Begegnung und Kennenlernen erkennen Menschen häufig, wie viele Gemeinsamkeiten sie miteinander teilen. Darin liegt eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Nie wieder“ ist kein historischer Satz, sondern eine tägliche Aufgabe

Die größte Gefahr moderner Gesellschaften besteht nicht darin, dass sie sich für unmoralisch halten. Die größte Gefahr besteht darin, dass sie überzeugt sind, aus der Geschichte bereits ausreichend gelernt zu haben.

Doch Erinnerung ist niemals abgeschlossen. Sie ist kein Denkmal aus Stein, sondern eine gesellschaftliche Haltung, die sich jeden Tag neu bewähren muss.

„Nie wieder“ bedeutet deshalb nicht nur, an Vergangenes zu erinnern. Es bedeutet vor allem, heutige Mechanismen der Ausgrenzung zu erkennen, bevor sie sich gesellschaftlich verfestigen. Dann erst entscheidet sich, ob Erinnerungskultur tatsächlich schützt oder nur beruhigt.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2026
https://islamische-zeitung.de/nie-wieder-erinnerungskultur-konsequent-sein/

Link zu diesem Kommentar
Auf anderen Seiten teilen

Dein Kommentar

Du kannst jetzt schreiben und Dich später registrieren. Wenn Du ein Konto hast, melde Dich jetzt an, um unter Deinem Benutzernamen zu schreiben.

Gast
Auf dieses Thema antworten...

×   Du hast formatierten Text eingefügt.   Formatierung jetzt entfernen

  Nur 75 Emojis sind erlaubt.

×   Dein Link wurde automatisch eingebettet.   Einbetten rückgängig machen und als Link darstellen

×   Dein vorheriger Inhalt wurde wiederhergestellt.   Editor leeren

×   Du kannst Bilder nicht direkt einfügen. Lade Bilder hoch oder lade sie von einer URL.

×
×
  • Neu erstellen...