„Zwei Weltbilder prallten aufeinander“



Bonn - Ausgerechnet in Deutschland wurde Haluk Yildiz zum praktizierenden Muslim, der fünf Mal am Tag betet - „wenn es sein muss auch in der Pause des Theaterbesuchs“, sagt der Sprecher des Bonner Rats der Muslime, der in der Türkei aufwuchs und seit 1993 mit seiner deutschen Frau in Bonn lebt. Dass die Ehe mit ihr, der deutsche Pass, ja selbst die Beherrschung der Sprache einen Einwanderer noch lange nicht zum Deutschen machen, lässt man den „netten Türken“, wie ihn mal jemand nannte, noch heute manchmal spüren, sagt der 40-Jährige.

Und so bekam - schon zwangsläufig für jemanden, der sich als kopflastig bezeichnet - die Suche nach der eigenen Identität in der Fremde noch einmal eine ganz neue Dynamik. Die Religion wurde bei dieser Suche lebensbestimmend. Dabei war Haluk Yildiz früher bloß ein „Kultur-Moslem“, er und seine Familie halb praktizierend sozusagen. Während die Eltern als Ärzte für einige Jahre nach Deutschland gehen, besucht Yildiz ein strenges Internat, studiert anschließend in Istanbul Germanistik, arbeitet zugleich als Reiseleiter, wodurch er 1989 seine spätere Frau, eine Bonner Journalistin, kennenlernt.

Dann geht er unter die Unternehmer, reist 1990 mit Visum nach Ost-Berlin, chartert Flugzeuge, handelt mit Maschinen und Textilien. Ausgerechnet im Jahr seiner Einbürgerung, 1997, vollzieht sich der Wandel: Nach dem zweiten Studium der Betriebswissenschaft schreibt er sich an der Bonner Universität für die Fächer Vergleichende Religionswissenschaften, Philosophie und Islamwissenschaften ein. Er studiert den Koran und Schriften muslimischer Gelehrter. Sein großes Vorbild wird der berühmte türkische Theologe Said Nursi (1878-1960). Dieser propagierte die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft. Yildiz ist überzeugt, „dass die Religion dem Staat als Berater dienen sollte“. Den Rückzug der christlichen Kirchen ins Private bedauert er sehr.

Wer bin ich? Diese Frage stellte sich ihm lange Zeit. Mittlerweile antwortet er darauf: „Ich bin deutscher Muslim türkischer Herkunft. Ich habe eine multiple Identität.“ Und fügt mit einem vielsagenden Lächeln hinzu: „Was nichts mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun hat.“

Das klingt komplex, doch wer den Mann im westlich-modischen Outfit mit den dunklen Haaren und den zwei orientalischen Ringen an der rechten Hand näher kennenlernt, merkt schnell, dass Yildiz Klischees verabscheut. Herausforderungen jeglicher Art scheint er zu mögen. Im Privaten zum Beispiel: Denn in der Ehe mit einer, wie Yildiz sagt, damals überzeugten Feministin, blieben Konflikte nicht aus. „Da prallten zwei Weltbilder aufeinander.“ Doch seine Mutter sei eine „starke Frau“ gewesen. „Und meine Frau ist verbal stark. Das hat mich fasziniert“. Heute sagt Yildiz, dass „die Beziehung mich weitergebracht hat“. Nicht zuletzt sprachlich: „Meine Frau ist sehr eloquent.“

Auch für seine religiösen Überzeugungen streitet er: So zum Beispiel 2001, als er an der Bonner Uni die Islamische Hochschulvereinigung gründet und gegen anfängliche Widerstände den Uni-Kanzler überzeugt, im Flur vor Hörsaal I das Freitagsgebet verrichten zu können.

Ein wichtiges Projekt ist die Unterstützung der Al-Muhajirin-Gemeinde, die am liebsten in Neu-Tannenbusch eine Moschee bauen möchte. Dabei spürt Yildiz, wie dick die Bretter in der Stadtverwaltung sind, die er zu bohren hat. Wie bestimmend die Religion in seinem Leben geworden ist, zeigt sich auch daran, dass er dem flüchtigen politischen Tagesgeschäft nur gefiltert Aufmerksamkeit schenkt. Acht Monate schon sieht er nicht mehr fern. „Meine Frau schneidet für mich die wichtigen Artikel aus der Zeitung aus.“ Angesprochen auf Lektüre nichtreligiöser Art muss er lange nachdenken. Immerhin: „Zuletzt waren meine Frau und ich im Theater und haben »Schumanns Nacht« angeschaut.“ Im Kino war er seit Jahren nicht mehr. Dort würde er vermutlich die verständnislosesten Blicke ernten, wenn er in der Ecke zu Allah betete. (val)

Kölner Stadtanzeiger - 05.12.2007