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07.07.2003

 

Islamische Geschichte in Europa: Bedeutung und Aktualität

Bedeutung und Aktualität künftige Identität des vereinten Europas. Haben Europas Muslime hierzu einen originären Beitrag?

 

 

(iz)Ein Europa der Regionen, der Nationalstaaten, der Konsumenten, der Bürger? - die Frage nach der europäischen Identität stellt sich nach den traumatischen Erfahrungen der europäischen Kriege mit Vehemenz. Die Überwindung der Nationalstaatlichkeit scheint in Europa unaufhaltsam, doch auch das geistige Bindeglied der Mitgliedsländer, bis hin zur Rolle der 16 Millionen Muslime in Europa ist noch nicht klar herausgearbeitet. „Ein Europa der Konsumenten und ökonomischen Vorteile sind als Gründung der neuen europäischen Kultur auf Dauer nicht ausreichend“ ist man sich im gelehrten Europa dieser Tage längst einig.

 

Grund genug für die Heinrich-Böll- Stiftung, in einem Seminar „Europa und al-Andalus - ist der Islam eine europäische Religion?“, über die geschichtliche und aktuelle Rolle des Islam in Europa zu sprechen. Hierbei ging es auch darum, das Bewusstsein für die positive Rolle des Islam in der europäischen Geschichte zu erweitern. Oft genug war und ist - so sieht das wohl auch die Stiftung - die Reflektion über das islamische Erbe - von Sarajevo bis Al Andalus, zwischen Reconquisita und Sebrenica in der europäischen Reflektion zu kurz gekommen. Die Kolonialisierung Europas durch die außereuropäischen Religionen werfen dabei für die Europäer viele Fragen auf.

 

Nach wie vor wird der Islam gerne als eine fremdartige Religion ausgegrenzt. Darüber hinaus geht es auch bei der Debatte um die Muslime in Europa darum, anzufragen, ob die Muslime selbst auch einen intellektuellen und gesellschaftlichen Beitrag für das künftige Europa leisten und definieren können. Die Veranstaltung war somit ein gelungener Auftakt für ein konstruktives und offenes Gespräch über die Rolle des Islam in Europa.

 

Während die Zugehörigkeit der Türkei und ihres islamischen Erbes zu Europa heftig diskutiert wird, ist die Zugehörigkeit der bosnischen und andalusischen Geschichte zu Europa natürlich zweifellos gegeben. Suchen die Bosnier noch vergeblich um ein Zimmer im neuen „europäischen Haus“, ist Spanien aus der Realität des vereinten Europas längst nicht mehr wegzudenken. Wie steht es aber mit dem islamischen Erbe der Spanier? Vor allem das Thema Al-Andalus und die Frage nach dem Beitrag des Islam in Europa beschäftigt heute viele Europäer über alle religiösen Grenzen hinweg. Die Geschichte der Region um Granada und Cordoba, vor allem auch ihre bemerkenswerte Architektur, zieht bis heute Millionen Besucher aus aller Welt an. Ob die Geschichte des Islam im Süden des heutigen Spaniens auch heute noch Relevanz und Strahlkraft hat, war sodann auch eine der Leitfragen des eintägigen Seminars, zu der Aliyah Seganeh von der Böll-Stiftung viele interessierte Besucher begrüßen konnte. Referenten in dem Seminar war die Professorin der Universität Barcelona Merce Viladrich, Rosa Guerriero von der Unesco aus Paris, Sabeha el-Zayat von der IPD Köln und IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger.

 

Die Blickwinkel und Perspektiven auf das komplexe Thema waren somit aus muslimischer und nichtmuslimischer Sicht so vielseitig wie unterschiedlich. Die Moderatorin Frau Joncker stellte dann auch die Grundfrage an die Teilnehmer: „Wie kann man ein gemeinsames Europa auch geistig gründen, den Zerfall in zusammenhangslose Regionen und Städte verhindern?“

 

In einem kurzen Rückblick stellte die Professorin Viladrich die Schwierigkeiten dar, die islamische Geschichte in Spanien vorurteilsfrei darzustellen. Spanien hatte seine eigene Geschichte über Jahrhunderte nicht zuletzt aus der Ablehnung und Vertreibung des Islam verstanden. In der Konsequenz gab es daher lange kein Interesse an der anderen Seite spanischer Geschichte. Nicht ganz zufällig hat sich ein anderes akademisches Geschichtsverständnis vor allem in Katalonien und dem Baskenland herausgebildet, denn gerade dort wurde gefragt, ob die Vereinheitlichung des Geschichtsbildes in Spanien überhaupt möglich ist. In Gelehrtenkreisen in Bilbao oder Barcelona wurde so immer wieder auch die Frage gestellt: „Was ist eigentlich Spanien?“

 

Viladrich stellte fest, dass die meisten geschichtlichen Vorurteile über Al-Andalus heute ausgeräumt sind, ohne dass man aber gleichzeitig die Epoche zu sehr romantisieren wolle. Aber - so hielt die Professorin fest - ein Verständnis der spanischen Geschichte ohne die Wahrnehmung des islamischen Beitrages sei definitiv nicht haltbar. „Man versteht die Gegenwart nur, wenn man Geschichte vorurteilsfrei aufarbeitet“, war somit das einleuchtende Credo des engagierten Beitrages.

 

Was war nun aber in al-Andalus geschehen? In dem Beitrag von Frau El-Zayat wurden die verschiedenen ganzheitlichen Aspekte der Hochkultur stichpunktartig dargestellt - in fast allen wissenschaftlichen Bereichen war die Region führend und in seiner politischen Realität der willkommene Zufluchtsort der europäischen Juden. Man kommt also um die Hochkultur in Al-Andalus und um seine berühmten Denker wie Ibn Rushd oder Ibn al-Arabi nicht herum, wenn man die europäische Geistesgeschichte verstehen will, stellte Frau El-Zayat nüchtern fest. Auch heute ist ein Studium der sozialen Lebenswirklichkeit der Bevölkerung in Al-Andalus einigermaßen spannend und gerade auch für die gesellschaftliche Realität der Frauen auch vorbildhaft. „Es gibt Hinweise, dass die muslimischen Ausbildungsstätten europaweit anerkannt waren und natürlich auch von nicht-muslimischen Frauen besucht wurden.“ Die heutige Begeisterung der Muslime für das geschichtliche Vorbild in Al-Andalus erklärte Frau El-Zayat mit einem weitverbreiteten aktuellen Gefühl der Unterlegenheit von in Europa lebenden Muslimen. Der abgedrängte und isolierte Islam der „Hinterhöfe“ sei also auch auf der Suche nach neuen Vorbildern.

 

Abu Bakr Rieger stellte in seinem Beitrag klar, dass für ihn die europäischen Muslime all diejenigen sind, die auch europäische Sprachen sprechen. Die hier geborenen Muslime, deren Familien zum Beispiel aus der Türkei stammen, seien genauso Europäer wie er selbst. Die Identität der europäischen Muslime sollte nicht von einem „Gegen“ abhängen, sondern von einer positiven und ganzheitlichen Bestimmung der menschlichen Existenz. „Nach dem Verständnis der Einheit von Ibn Al-’Arabi“, so Rieger, „verbietet sich jede Dialektik oder Identitätsgewinnung aus einem Feindbild“. Die Muslime seien zweifellos Teil Europas.

 

Die Frage an die europäischen Muslime sei nun, zu welchem positiven Beitrag und Angebot sie letztlich fähig seien. Das Studium der geschichtlichen Situation in Al-Andalus zeige, so Rieger weiter, dass die dortige Gesellschaft vor allem wegen ihrer sozialen und ökonomischen Integrität bestehen konnte. „Der Islam ist keine fremde Kultur und kennt kein kulturelles Ressentiment“, stellte Rieger fest, dies zeige sich gerade in der europäischen Dimension des Islam. Rosa Guerriero schloß die Referate mit einem Plädoyer ab, dass gerade das europäisch-islamische Denken von Ibn Ruschd und Ibn Al-’Arabi als ein wertvoller Beitrag zur europäischen Identität anzuerkennen sei. Die geschichtliche Realität in al-Andalus sei für die künftige europäische Union von großer, beinahe vorbildhafter Bedeutung. In dem künftigen Europa sei die Realität des Islam in Europa zwischen Sarajevo und Paris überaus wichtig und die Rolle der in Europa lebenden Muslime nicht zu übersehen. Zu einem gemeinsamen Bezugspunkt gehöre deswegen auch die gemeinsame Aufarbeitung der europäischen Geschichte.

 

von :

abubakrrieger.de

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